Am Freitag, den 13., kam das Veranstaltungsverbot aus der Stadtverwaltung ins Haus.
Seit diesem Tag schreibe ich täglich auf, was erschreckt und berührt in dieser Zeit der Unterbrechung. Klar, es hat auch bei mir länger gedauert zu verstehen und zu akzeptieren, worauf es nun ankommt….

Heute ist der 31. März
Es bleibt nun mehr Zeit für Gespräche und mehr Zeit zum Zuhören. Eine Künstlerfreundin berichtet von zig abgesagten Auftritten, fast von einem zum anderen Tag. Sie erzählte:
Ihr anfängliches Gefühl der Verzweiflung wich bald vielen philosophischem Betrachtungen der, wenn auch schwierigen, Situation. Quasi ein Zusammengehörigkeitstelefonat.
Ich möchte euch ein Bild zeigen, das mir heute bei einem Spaziergang durch den Schlachthof aufgefallen ist: Die Krone soll draußen bleiben!
Machts gut, bis morgen

 

Heute ist der 30. März
Es ist Montag, und Besprechungstag mit allen derzeit wichtigen Tollhaus-Arbeitsgruppen.
Eine Videokonferenz folgt der anderen, aber es wäre nicht das Tollhaus-Team, wenn uns nicht auch hier lustige Bilder einfallen würden. Plötzlich verschwindet ein Kollege und kommt als Fantasievogel zurück, oder ein Entchen mit Perücke schwimmt durchs Bild, machmal kreuzt sogar ein kleiner VW-Bus unsere Besprechung. Das müsstet ihr sehen - beste Unterhaltung im wahrsten Sinne
Machts gut, bis morgen

Heute ist der 29. März
Seit dem Frühstück geht mir das Wort „Gewinnmaximierung“ durch den Kopf.
Jetzt aber erst mal raus an die frische Luft mit dem Fahrrad, bevor der angekündigte Regen kommt.
Wessen Gewinn wurde maximiert, und wenn jetzt keine Maximierung mehr möglich ist, entsteht daraus ein neuer Gewinn ? …hm…
Na dann machts gut, bis morgen

Heute ist der 28. März
15 Tage hat das Tollhaus nun schon geschlossen. Es kommt mir lange vor.
Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal bei meinem Samstagseinkauf in einer ruhigen Warteschlange stehe und Zeit habe, in Gesichter zu schauen - in außergewöhnlicher Verbundenheit. Dann bei der Gartenarbeit kleiner Plausch mit den Vögeln an der Wasserschale - ohne Scheu.
Machts gut, bis morgen

Heute ist der 27. März
Gestern abend bin ich auf dem Weg nach Hause an der Friedrich-List-Schule vorbeigefahren. Nahezu unbemerkt wurden auf dem Grünstreifen zwischen Straße und Schule 12 kleine Bäumchen gepflanzt!
Sentimentalität wird mir nicht bescheinigt, aber ob ihr es glaubt oder nicht, ich habe jedes Bäumchen einzeln begrüßt.
Machts gut, bis morgen

Heute ist der 26. März
Fortsetzung: Der nun seit 14 Jahren gewachsene überregionale Anziehungspunkt Alter Schlachthof hat viele Mütter und Väter. Viele, die sich engagiert haben für die Kultur-und Kreativwirtschaft im Quartier mit gegenseitiger Unterstützung und Interesse an der Tätigkeit der anderen. Projekte sind gemeinsam entstanden und wurden zu Highlights für Karlsruhe, es ging immer weiter und weiter
und die Sommer wurden heißer und heißer und die Parkplätze immer weniger, so dass man nun erneut zusammen kommt, um zu überlegen wie wir gemeinsam wieder Luft zum Atmen finden können.
Denn das vermeintlich wiehernde Pferd in der Ferne ist das unermüdliche Heulen der riesigen Betonmischmaschinen in direkter Nachbarschaft.
Machts gut, bis morgen

Heute ist der 25. März
Der Alte Schlachthof, bis vor kurzem war er prosperierender regionaler Hotspot der kulturellen und kreativen AkteurInnen - jetzt ist er verwaist!
Manchmal sieht man am Tag von weitem Nachbarn, die von Anfang an dabei waren, und ruft sich gegenseitig (mit Abstand ) zu: "weißt du noch damals vor 14 Jahren, damals war auch kaum was los" ….
Das Gerufene hallt zwischen den denkmalgeschützen Sandsteingebäuden hin und her. Der Wind schickt launig ein trockenes Gestrüpp durch die Höfe und in der Ferne wiehert ein Pferd. Tritt die Dämmerung ein, zieht man beim Nachhausegehen den Mantelkragen etwas höher und zuckt kurz zusammen, wenn unerwartet ein kreativer Kollege aus der Nachbarschaft um die Ecke schleicht.
Mit einem stillen gegenseitigen Gute-Nacht-Gruß geht wieder einer dieser Tag zu Ende.
- Fortsetzung folgt -
bis morgen

Heute ist der 24. März
Jetzt ist etwas passiert: Das große Tollhaus-Logo-Transparent, das allen Menschen, die über den Ostring gekommen sind 10 Jahre lang entgegen geleuchtet hat, wurde vom Wind mitgenommen. Die Wand ist leer! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das Tollhaus bleibt an Ort und Stelle, so viel ist sicher, und irgendwann machen wir auch wieder die Türen auf. Bis dahin können wir uns anders unterhalten. Heute Abend kommt „DIE ANSTALT“ im ZDF. Ich freu mich drauf.
Die Fernsehsender können sich doch langsam einstellen auf die kino- und livekulturarme Zeit, und ein tolles vielseitiges und kulturell interessantes ansprechendes Programm anbieten, einfach mal etwas Neues ausprobieren, man kann ja eh nicht weg.
In diesem Sinne: Machts gut, bis morgen

Heute ist der 23. März
Kaum zu unterscheiden vom 22. März, und doch ist es interessant zu sehen, was passiert, wenn nichts passiert. Virtuelle Besprechung mit Kollegen, weil es ja Montag ist, und es doch einiges zu tun gibt. Nur die Post bleibt etwas länger liegen, denn wichtiger ist der Ritt durch das Netz, um allerlei Ideen von Rettungsschirmen für die Kultur aufzuspüren. Das beruhigt ein bißchen.
Und dann kommt endlich der Podcast von Christian Drosten aufs Handy, mein tägliches Highlight.
Wenn es nach mir geht, ist er der Kandidat der Stunde für das Bundesverdienstkreuz!
Machts gut, bis morgen

Heute ist der 22. März
Gestern Abend haben mich die Nachrichten daran erinnerst, dass um den 21.03. herum eigentlich die Internationalen Wochen gegen Rassismus stattfinden. Nicht dass ich es vergessen hätte, aber es wurde verdeckt und ich denke: Vorsicht, dass jetzt nicht anderes Wichtiges in Vergessenheit gerät.
Aus dem Bücherschrank ist mir ein Rilke-Gedicht entgegengefallen, ein Sonntagsgedicht, vielleicht habt Ihr Lust es zu lesen
Machts gut, bis morgen

Was mich bewegt
von Rainer Maria Rilke

Man muss den Dingen die eigene ungestörte Entwicklung lassen
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann
Alles ist Austragen
und dann Gebären

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die das sind
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit…

Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher,
die in einer fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antwort hinein.

 

Heute ist der 21. März
Etwas später aufgewacht - Stille - am lautesten Konsumtag der Woche, nur Einzelwesen auf der Straße mit Schirm.
Der Planet atmet durch, die Natur kann heilen.
Vielleicht bringt die Zukunft uns die Erkenntnis, dass wir das Leben jetzt wirklich gemeinsam machen müssen, MIT der Natur…
Hoppla , kaum ist Wochenende, schon wird man philosophisch.
Machts gut, bis morgen.

Heute ist der 20. März
Tatsächlich ist ein Erfolgserlebnis zu vermelden: Das Morgenyoga wird schmerzfreier!
Nach siebentätiger Regelmäßigkeit machen sich kleine Erfolge bemerkbar. "Ich bin ja die ganze Zeit nicht mehr dazu gekommen" (Achtung: Ausrede)
Beim Einkaufen wird Abstand gehalten, jetzt fast automatisch. Selbst das Auto hinter mir hat nicht gewagt, mir auf meinem Weg mit dem Fahrrad ins Tollhaus näher zu kommen.
Im Büro fällt der erste Blick immer auf tausende nicht versendete Programmhefte, die just an dem Tag gedruckt waren, an dem das Veranstaltungsverbot ausgesprochen wurde. Ob sich da vielleicht kleine Hocker draus machen lassen ?

Unser Publikum ist toll!
Es werden Plakate gewünscht, um sich an Veranstaltungen zu erinnern; es wird auf die Rückerstattung der Eintrittsgelder verzichtet, oder die gerade abgeschlossene Clubmitgliedschaft nicht zurückgenommen.
Schön, so auf Abstand zusammenzubleiben!
Und draußen sucht die unbeirrbare schwarze Holzbiene im Sandstein ein Familienplätzchen, die Bienen gehen ihren Sammelaktivitäten nach, und die Vögel streiten sich um die besten Nistplätze - wie jedes Jahr im Frühling !
Machts gut, bis morgen

Heute ist der 19. März
Im stillen Tollhaus wird aufgeräumt, Homeoffice eingerichtet und nach Kommunikationstools gesucht, die uns digitalen Austausch ermöglichen.
Die Laune ist gut, es gibt etwas zu tun: Lange Liegengebliebenes freut sich auf Erledigung und dafür ist nun viel Ruhe und Zeit. Der Rhythmus des Kulturalltags hat sich verlangsamt und bremst nun ein. Das ist zunächst noch genüsslich….
Täglich geht mir das Buch „Großes Solo für Anton“ von Herbert Rosendorfer durch den Kopf, das ich, ach vor bestimmt vor 20 Jahren gelesen habe. Es handelt vom plötzlichen Verschwinden der Menschheit. Anton wacht eines morgens auf und niemand ist mehr da… Das Buch ist spannend, schön und tröstlich. Gerne leihe ich es aus. Vielleicht liegt darin eine Zuversicht. Alles so zu nehmen wie es ist, und zusammen zu halten.
Machts gut, bis morgen